Andrea Maria Lowes | Was ist eigentlich das „Jetzt“
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Was ist eigentlich das „Jetzt“

Was ist eigentlich das „Jetzt“

„Im Hier und Jetzt ankommen“ – „Gedanken wie Wolken vorüberziehen lassen“ – „Bei sich ankommen“ – „Den Körper spüren.“

Wie hilfreich sind diese Übungen wirklich in unserem Alltag?

In breitem Umfang und immer selbstverständlicher greift eine Bewegung in unseren westlichen Industriestaaten um sich, die seit jahrhunderten in Asien gepflegt wurde, nämlich das Finden vom „Hier und Jetzt“.

Immer mehr Fachliteratur zum Thema „Achtsamkeit“ erscheint in immer kürzerer Zeit. Auch beschäftigt sich die Wissenschaft immer mehr mit diesem Thema. Zum Beispiel führt das Max-Planck-Institut für Kognitionsforschung groß angelegte Studien dazu durch, wie Meditieren das Gehirn und das Denken verändert. Millionen Menschen sind auf der Suche nach dem Jetzt.

Seit der formulierten Qantenmechanik ist die Zeit nur ein Parameter bei der Beobachtung von Experimenten. Sie ist unwichtig in der Welt der Elementarteilchen. Hier können alle Vorgänge vorwärts und rückwärts ablaufen, ohne dass sie sofort als unmöglich erkennbar wären. Wie z.B. zersprungenes Glas, das sich in einem rückwärts laufenden Film wieder zusammensetzt.

Hier hat die Zeit, wissenschaftlich gesehen, keine eindeutige Richtung mehr, in der ein „Jetzt“ Vergangenheit und Zukunft trennen könnte.

Dabei floss im Newtonschen Weltbild die Zeit überall im Universum gleichmäßig vor sich hin.

Und in der Relativitätstheorie nach Albert Einstein gilt, wer sich schneller durchs All bewegt, als andere, dessen Uhr geht im Vergleich zur Uhr der anderen langsamer.

An der Ludwig-Maximilians-Universität wurde in den vergangenen Jahren versucht das „Jetzt“ zu vermessen. Das hat dazu geführt, dass man sich von der Idee, dass es sich dabei um eine einheitliche und exakte physikalische Zeitspanne handeln könnte verabschiedet.

Ist dabei aber zu der Erkenntnis gekommen, dass unserem Leben eine Art Grundtakt zugrunde liegt. Viele Alltagshandlungen erstrecken sich über ungefähr zwei bis drei Sekunden, etwa wie Händeschütteln oder eine Umarmung. Allerdings sagt ein Dreisekunden-Takt immer noch wenig darüber aus, wie wir das „Jetzt“ erleben. Das „Jetzt“ wird unterschiedlichst erfahren. Manchmal wird es völlig ohne Bewusstsein auskommen und ein anderes Mal kann man sich eines Momentes sehr bewusst sein und es kann lange nachwirken.

Solange wir im Außen gefesselt sind, sei es mit unserem Smartphone oder unseren E-Mails rast die Zeit schneller vorbei, anders wie wenn wir uns auf unseren Körper konzentrieren, damit können wir gefühlte Zeit vermehren und erschaffen.

Bei Menschen, die geübt sind in ihrer Selbstwahrnehmung, stellt sich das „Jetzt“ leichter ein und während Vergangenheit und Zukunft an Bedeutung verlieren wird das Gefühl der Zeitlosigkeit deutlicher. Dabei gewinnt der Mensch mehr eigene Kontrolle über das Zeitempfinden.

Während das stimulusorientierte „Jetzt“ zwischen Telefonaten und Botschaften von außen, den Körper Dopamin ausschütten lassen, scheint damit die Zeit zu schrumpfen.

Dieser Tatsache können wir uns inzwischen kaum noch entziehen. Während für unsere Vorfahren dieses ureigene Jetzt ganz selbstverständlich war, da es noch keine synchronisierte Uhren gab, weil die Industialisierung unseres Zeitempfindens noch nicht eingesetzt hatte. Inzwischen leben wir in einer Zeit, die bestimmt wird von einer schnell wachsenden Anzahl von Taktgebern, einer hypersynchronisierten Zeit – ein globalisiertes digitalisiertes Jetzt. Wir werden von Apps daran erinnert, wann Pausen angesagt sind etwa mit Yoga, Joggen oder Einhaltung von Essens- oder auch Fastenzeiten. Wir werden eingefügt in die lineare Zeit des globalen „Fortschritts“.

Oder wir teilen unser Jetzt mit millionen anderen Menschen über soziale Netzwerke und lösen damit eine tiefe Befriedigung aus, in dem wir miteinander weltweit Momente teilen, die uns soziale Anerkennung erfahren lassen oder uns aus der Einsamkeit retten.

Dabei wird der erlebte Moment aber leerer, was wir mit Wiederholung zu kompensieren versuchen. Verlust des intensiv erlebten Moments zeigt sich auch zum Beispiel bei unterschiedlichsten Events. Statt gemeinsam bewusst zu geniesen, versuchen wir den Augenblick festzuhalten, einzufangen mit unseren Smartphones. Wir wollen das Jetzt konservieren, statt es auch jetzt zu erleben und passt nicht zu einem starken Körpergefühl reinen Genusses. Es ist nicht möglich einen Moment mit allen Sinnen zu geniesen und gleichzeitig ihn konservieren zu wollen.

Dabei ist es genau das, was uns das Jetzt fühlen und erleben lässt, einfach nur da zu SEIN und etwas bewusst wahr zu nehmen.

Wir tun uns damit schwer, weil wir leicht in eine Krise geraten, wenn wir den eigenen Anschluss an die synchronisierte Weltzeit verpassen. Angefangen bei den aufgelaufenen E-Mails oder Twitter-Nachrichten, bishin bei den Terminen die anstehen. Springen wir nicht auf, auf das allgemeine Zeitgeschehen sind wir schnell raus aus unserem geschäftigen Alltag. Was uns nicht selten als Vernachlässigung gesellschaftlicher Kontakte, und mangelndes Interesse quittiert wird.

Ist denn nun die Übung mit dem „Hier und Jetzt“, die Achtsamkeitsmeditation die Lösung gegen die totale Kontrolle des Weltzeitrhytmus, und damit gegen die Beschleunigung unseres Alltags?

Einerseits sicher ja, andererseits aber, könnte das auch ein Instrument sein, was eine weitere Beschleunigung optimiert. Ein Weg, der uns für die Weltzeit und den damit verbundenen Anforderungen extra fit macht.

Ein Widerspruch, dass Meditation unser Leben noch weiter beschleunigen könnte.

Zum Beispiel: „Hurry up and slow down“, nämlich „Schnell, verlangsame dich“ ein Motto eines Meditationszentrums in Los Angeles für gestresste Manager.

Die Beschleunigung ist aber da undlässt sich nicht aufhalten, deshalb müssen wir lernen mit ihr zu leben.

Dabei geht es darum uns nicht zu versklaven, uns dieser synchronisierten Zeit auszuliefern, sondern zu lernen, bewusst damit zu leben und frei entscheiden zu können, wann wir mit und wann wir in unserer eigenen Zeit leben wollen.

Ich nenne das „aktiv entspannt“ – bewusst entscheiden in welchem Modus wir uns gerade befinden. Es geht dabei nicht nur um Entspannung sondern auch in einer angespannten Situation, die unsere ganze Konzentration verlangt, eine Wohlspannung zu erhalten.

Das ist mein Ansatz, also uns nicht der Welt zu entziehen, sondern ihr auf unsere individuelle Art und Weise, immer jetzt, gelassener und aufmerksam zu begegnen.

Dafür biete ich Einzelsitzungen und Gruppen an auch für Jugendliche, Studenten und Schüler.

Es macht wenig Sinn die Smartphones zu verteufeln, effektiver ist es, zu lernen unsere neuen Medien sinnvoll einzusetzen. Den Vorteil zu nutzen, aber uns davon nicht versklaven zu lassen.

November 2015

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